"Ich hätte damals ja NIE..."

Der Versuch einer Lesebeschreibung von "Er ist wieder da"

Im Allgemeinen schreibe ich über meine Erfahrung am UWC. Auf der Website finden sich auch andere, nicht direkt verknüpfte Themen, aber im Blog gab's das bislang nicht. Wird es auch in Zukunft nicht wieder geben. Dieser Post ist eine Ausnahme. Ein Special. Über Timur Vermes Debütroman "Er ist wieder da" der 2012 zuerst erschienen ist. Es ist eines dieser Bücher die erfolgreich sind, so definiert, dass sie eine große und breite Leserschaft erreichen, in viele Sprachen übersetzt werden und lange auf den Bestsellerlisten stehen. Eine gewisse Ähnlichkeit mit "Shades of Grey"s publizistischer Geschichte ist einfach zu erkennen. Und genau wie jenes Buch ist auch dieses arg umstritten.

Ist es genial oder unglaublich schlecht?

Vermes lässt Hitler wieder erwachen, in Berlin, originalgetreu, nur etwas verstaubt ist er. Herr Hitler findet sich zurecht in der neuen Welt, irgendwie. Er wird als Comedian entdeckt und startet eine Karriere im Fernsehen.

Damit ist die Handlung auch schon beschrieben. Nur dass diese Beschreibung, obwohl akurat, viel zu kurz greift.


Das Buch ist durchgängig aus der Ich-Perspektive Hitlers geschrieben, inklusive Weltanschauung und Ausdrucksweise. Das mag für manche ermüdend sein, aber es gibt dem Ganzen eine gewisse Authenzität. Das Cover ist so schlicht wie provokant, auf dem weißen Hintergrund prangt schwarz der Markante Seitenscheitel und der Bart, letzterer konstruiert aus dem Titel.


Witze mit Hitler, darf man das? Witze über Hitler, geht das? Ist das politisch korrekt? Ist das in der Meinungsfreiheit inbegriffen oder müssen wir unkritische Leser vor so etwas schützen? Das sind alles gute Fragen, ich wage allerdings zu behaupten, dass sie wenig mit diesem Buch zu tun haben. Denn Der Erzähler nimmt sich selber sehr ernst, macht keine unangebrachten Witze, übernimmt Verantwortung für sich und sein Tun. Es sind die Menschen um Hitler herum, die Welt in die der Autor seine Figur gesetzt hat, die die Komik ausmachen. Wir lachen nicht so sehr über Hitler, als über uns. Das darf man, muss man dürfen!
Das Lesen und Lachen entwickelt sich. Zuerst zaghaft, immer noch sehr deutlich aller Hitler-Fakten bewusst, später befreit und laut, bis irgendwann diese eine Zeile kommt und einem schlagartig das Lachen im Halse stecken bleibt.


Wir urteilen gerne, wenn wir an die Zeit des dritten Reiches zurück denken. Wir machen es uns gerne bequem und einfach. Wir überschätzen uns. "Ich hätte damals ja NIE..." Vermes zeigt: Vielleicht hätten wir, vielleicht würden wir. Wir lachen, wir vergessen, dass der Erzähler das ernst meint. Wir stimmen zu, jeder kritische Geist wird ab und an zustimmen.

"Er ist wieder da" ist ein wachrüttelndes Buch. Ein Buch, das mehr bietet als Unterhaltung. Es sollte meiner Meinung nach nicht verkannt werden als "noch ein Buch über Hitler".


Ein paar Kostproben:

Seite 169

"Im Gegenteil", sagte ich, "Ich will die Wahrheit sagen. Und sie sollen denken: Da ist jemand, der die Wahrheit sagt." "Und, denken sie das jetzt?" "Nein. Aber sie denken nicht mehr das selbe wie vorher. Und das ist alles, was man erreichen muss. Den Rest macht die stetige Wiederholung."


Seite 220

"Wie sieht es mit einem Nationalsozialistischen Hintergrund aus?" "Der ist einwandfrei.", sagte ich. "Sie waren also nie in einer rechten Partei?", hakte sie nach. "Wo denken sie hin!", lachte ich über diese plumpe Fangfrage, "Ich habe die Partei praktisch mitbegründet."


Seite 249

"Angenehm", sagte sie kühl, aber nicht unfreundlich, "Ich bin Ute Kassler von <Bild>." "Die Freude ist ganz auf meiner Seite.", sagte ich, "Ich habe schon viel von ihnen gelesen." "Eigentlich hatte ich von ihnen den deutschen Gruß erwartet.", merkte sie an. "Dann kenne ich sie besser, als sie mich.", plauderte ich zurück, "Ich hatte von ihnen keinen deutschen Gruß erwartet - und wer hatte nun Recht?"

(Das gesamte Bild - Hitler interview ist einfach grandios)


Der Autor lässt "Hitler" auch noch auf die Nationaldemokraten los. Doch das und den Rest des Buches sollte lieber jeder selber lesen, das ganze Buch ist eine Leseerfahrung, die nicht mit Zitaten hergestellt werden kann.


Ganz besonders möchte ich alle Leser dieses Blogbeitrages dazu anregen ihre Gedanken und Blickwinkel, Meinungen und eigene Leseerfahrungen in den Kommentaren zu schreiben. Auf die Meinungsfreiheit!

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Kommentare: 3
  • #1

    Dorte (Samstag, 01 November 2014 22:32)

    Hallo Fiona,
    das Buch habe ich vor einem Monat gelesen. Ich muss zugeben, ich habe Tränen gelacht. Ich finde es genial, wie der neue alte Hitler sich mit dem Hier und Jetzt auseinandersetzt.
    Aber ganz im Ernst: ich finde, das Buch ist ein genialer neuer Ansatz, die Problematik des Dritten Reiches zu erklären. Und ja, ich finde, dass das ok ist. Das Buch ist schockierend und lustig zur gleichen Zeit, ja, das geht! ( Das ist doch ein Anfang ...

  • #2

    AS (Montag, 03 November 2014 12:47)

    Hey, weißt du, ich hab das buch (noch) nicht gelesen (kannst du es mir ausleihen?), aber ich finde dass 1. GUTE Hitler-Witze ein gutes Mittel sind, um die Nazis als das zu entlarven, was sie waren/sind: Ein Haufen Idioten, vielleicht mit ein paar Ausnahmen und 2. Hitler aus den obigen Zitaten zu schließen für meine Geschmack etwas zu intelligent rüberkommt. Ich meine, der Typ hat im Grunde nur der damaligen (Wahl-)Bevölkerung (Deutschlands und Teilweise auch Europas) nach dem Mund geredet. Juden sind böse, weil erfolgreich. Das ist jetzt ziemlich knapp und unvollständig gefasst, aber - wie gesagt - ich werd das Buch noch lesen. Es ist einfach dieser Fehler, der heute so oft gemacht wird und mich aufregt, dass die heutigen Nazis, NSDAPler und (Rechts-)Radikalen zu ernst genommen werden. Damit wird ihnen nur Auftrieb durch Aufmerksamkeit geschenkt. Mäh!

  • #3

    Fiona (Montag, 03 November 2014 14:40)

    Ich denke, dass einer der schlimmsten Fehler Unterschätzung ist. Genau darin liegt in "Er ist wieder da" der Hund begraben. Ich denke nicht, dass alles was Hitler gemacht hat "der damaligen Bevölkerung nach dem Mund zu reden".
    Was die heutigen "Nazis" angeht, gebe ich dir Recht. Sie sind nicht halb so gefährlich, wie sie gerne wären. Aber auch hier gild: das Mittelmaß halten. Gar nicht berichten ist dumm. Getreu dem Motto, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Aber eben auch nicht immer von der risen Bedrohung sprechen. Denn letztendlich zeigt das nur eines: Unsere Angst dass sie Recht haben.